Braun RT20

Tastensatz oder doch was anderes?

In die Radioklinik wurde ein Braun RT 20 eingeliefert. Der Besitzer meinte, dass der Tastensatz Schwierigkeiten hätte, denn das Gerät werde lauter und leiser.
Im Grunde eine richtige Diagnose.
Also gut, es wurde tatsächlich auch noch einer der Radiodoktoren in seinem Terminkalender fündig und der Braun konnte behandelt werden.
Tastensatz ist erstmal nichts Schlimmes. Die mit einer feinen Silberauflage versehenen Kontakte oxidieren mit den Jahren und das führt zu Kontaktschwierigkeiten.
Kein großes Ding. Etwas Oszillin-Spray oder in hartnäckigen Fällen „Kontakt 60“.
Aber aufgepasst: Nach dem Sprayen die Kontakte betätigen und gerade bei den Sprays mit Säuregehalt hinterher ordentlich das Spray wieder entfernen! Das geschieht z.B. mit azetonfreiem Bremsenreiniger. Da geht dann schon mal ne halbe Dose davon drauf, aber das Kontaktspray muß nach getaner Arbeit unbedingt raus, sonst frisst es die Kontakte auf.

Ok. Nun weiter: Ein Teerkondensator: Raus damit. Die EABC80 sehr schwach: Auch wechseln. Oh und der 50µF Elko hat auch schlechte Isolationswerte…
Standartprogramm eben.

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Nicht okay!

Aber nix da, er schwankt noch immer in der Lautstärke.
Ärgerlich: Was ist da los?
Die Kontakte sind okay. Das ist ziemlich sicher.

Der Zufall hilft!

Auf einmal hauts ihm die Sicherung raus. Hä?
Was soll das? Niemand hat hier das Durchbrennen der Sicherung erlaubt… Was stinkt denn hier so?
Ah. „Gleich riecht er“ nennen wir die alten Selengleichrichter. Sie bestehen aus Selen und vernickeltem Eisen. Wenn sie kaputtgehen entwickeln sie einen typischen, höchst unangenehmen Gestank.

Der verbaute Siemens-Gleichrichter enthält keine Feder um die Selenplättchen zusammenzudrücken. Der Druck kommt über zwei Kunststoffklötzchen vom Alugehäuse. Nicht gerade dauerhaft. Irgendwann lässt der Druck nach, es kommt zu Übergangswiderständen.
Widerstand erzeugt Hitze, Hitze sorgt für den Tod der Bauteile… So einfach geht das.

Also den Gleichrichter ausgebaut. Messung: Ja, der ist hin…

Die Selenplättchen raus, vier Dioden moderner Bauart im Originalgehäuse versteckt und fertig ist der Lack.
Naja. Nicht ganz. Die Anodenspannung ist jetzt höher. Etwa Zehn Prozent mehr, was ein Siliziumgleichrichter liefert.
Nach Rücksprache mit den Kollegen ist das aber im Rahmen. Gut, die Kondensatoren können auch damit umgehen, also los:

Probelauf

Alles normal, der Apparat ist geheilt. Keine Lautstärkeschwankungen mehr. Ein ganz fieser Fehler wurde gefunden und beseitigt.

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Noch eine Bemerkung zu diesem Radio:

Das Design des Geräts ist von Dieter Rams, der seit 1955 bei Braun tätig war. Von 1961 bis 1995 war Rams „Leiter der Formgebung“ bei Braun.
Das hier besprochene RT20 aus dem Jahr 1961 zeigt deutlich die für Rams charakterischtischen Stilelemente: helles Holz, weißes Blech und ein schnörkellos einfacher Aufbau.
Das ist auch im Inneren des Gerätes deutlich zu sehen. Keine unnötigen Dinge wie „3-D-Lautsprecher“, „Konzerttasten“ oder drehbare Ferritantennen für Mittel- oder Langwelle.
Technisch macht sich das auch bemerkbar: Braun hat in diesem Radio nur einen Teerkondensator verbaut.

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