Heinzelmann: Spielzeug oder Radio?

Restaurierung eines Grundig Heinzelmann von Dietmar Ehrhard

Heinzelmann 01
der berühmte Heinzelmann-Radiobausatz

Da steht er, der Heinzelmann, (noch) nicht schön aber selten.
Dieses Gerät hatte ich im Oktober 2018 erstanden.
Für den Transport kam für mich nur eine Abholung in Frage, denn ich wollte die Folgen einer geschüttelten Wurfsendung umgehen.
Ja gut, das Radio musste in Traunstein am Chiemsee abgeholt werden. Ist ja nicht gerade um die Ecke. Aber für was gibt es den Eurocity von Frankfurt nach Klagenfurt mit Halt in Traunstein.
Also morgens in aller Früh los, mittags am Bahnhof-Traunstein den Verkäufer getroffen. Den Heinzelmann und gleich noch ein Körting für meinen Kollegen Wolfgang eingepackt.
Wie das geht?
Na ja, einen Rentner-Einkaufstrolley, Polstermaterial, etwas Pappe und etliche Spanngurte hatte ich schon dabei.
Das Ein- und Aussteigen war eine körperliche Herausforderung und komische Blicke bekam ich gratis dazu. Es hat aber alles prima geklappt.

Über 2 ½ Jahre später wurde es Zeit, dass ich meinen Heinzelmann neues Leben einhauche.
Dann wollen wir doch mal schauen.

Heinzelmann 02
…der Beginn des Aufstiegs der Firma Grundig

Auf der Rückseite steht Rundfunk-Baukasten „Heinzelmann“ und „RVF Elektrotechnische Fabrik Inh. Max Grundig“.
Also ein (Spielzeugbaukasten) Rundfunkempfänger der ersten Stunde nach dem Krieg. Durch die Deklarierung als Spielware gelang es nämlich Max Grundig, das alliierte Verbot zur Herstellung von Rundfunkgeräten zu unterlaufen.
Der Verkauf ging Ende 1946 bei RVF mit wenigen Geräten los und entwickelte sich erst ab 1947 mit nennenswerten Stückzahlen.
Mein Gerät trägt die Apparate Nummer 11173.

Laut meiner Recherche wurden im Jahr 1947 bis Ende September 9560 Stück und bis Ende Oktober 11515 Stück der Baukästen verkauft.
Ende 1947 kamen dann parallel Fertiggeräte dazu.

Na dann schauen wir doch mal in das Gerät hinein, ob sich weitere Hinweise auf eine Datierung finden.
Bingo!
Auf dem Drehkondensator ist ein Zeitstempel vom 8. Juni 1947.

Die Montageplatte ist aus schwarzer Pappe, als Röhrenbestückung finde ich die Wehrmachtsröhren RV12 P2001 und RV12 P2000.
Die Röhre RV12 P2001 ist mit dem Buchstabe R für Heeres-Röhre gekennzeichnet. Da es sich hier um eine regelbare HF-Pentode für den UKW-Bereich handelt, kann man davon ausgehen, dass diese Röhre ursprünglich für ein Funkgerät des Heeres bevorratet oder eingesetzt war.

Mit diesen Angaben kann die Datierung ziemlich genau auf Oktober 1947 angenommen werden. Der Baukasten wurde vermutlich Mitte 1947 gebaut und Anfang Oktober ohne Röhren verkauft.

Nun gut, das geschichtliche wäre abgehandelt.
Aber wo Baukasten drauf steht sollte auch im ersten Schritt ein Baukasten drin sein.
Bei diesem Alter ist es sowieso obligatorisch das Gerät in alle seine Einzelteile zu zerlegen.

Und so könnte der Baukasten mal ausgesehen haben:

Der Kondensatorblock und die restlichen Kondensatoren haben Kapazitäten und Isolationswerte in einem Rahmen – sprechen wir lieber nicht darüber.

Also muss der Inhalt raus und neue Kondensatoren rein. Mit Heißluft lassen sich die Innereien überreden dahin und hinaus zu fließen. Als erstes ist der Kondensatorblock an der Reihe:

So, noch die restlichen Kondensatoren neu befüllt und wieder schwarz vergossen. Außen alt und innen neu. Nur an den jetzt längeren Drähten erkennt man den Unterschied zu vorher.

Auch Radios können im Alter einen Buckel bekommen.
Die unauffällige Aussteifung und etwas schwarzer Mattlack bewirken hier eine echte Verjüngung.

Jetzt kann wieder bestückt werden.

Heinzelmann 12
Neuaufbau

Das Gerät wurde mit einem nicht originalen Vorwiderstand für die Heizung verbastelt.
Das Originalteil ist leider nicht mehr vorhanden.
Also was tun?
Da auf der Montageplatte zwei Becherelkos à 8 µF verbaut waren, entschied ich mich einen Becherelko mit 2 x 8 µF einzubauen und den freien Platz für eine andere Lösung zu nutzen.

Ein kleiner Heiztransformator wird in einem silbernen Topf versteckt und nimmt den freien Platz neben dem Becherelko ein.

Vorher zwei Töpfe – nachher zwei Töpfe – passt.

Die Widerstände geprüft und geputzt, alle Teile wieder an ihren Platz verbaut und alles neu verdrahtet.

Heinzelmann 16

Ach ja, da war doch noch was.
Das Gehäuse hätte keinen Schönheitswettbewerb mehr gewonnen.
Gründliches wie auch sehr vorsichtiges Schleifen entfernt den Zahn der Zeit.
Ein paar Lackschichten mit Zwischenschliff später sorgt für alten Glanz.
Die Holzfarben und die Maserung sind wieder wunderschön.

Der alte Lautsprecherstoff war nicht zu retten und wurde mit einem stilechten Stoff ersetzt.

Auch die Skala musste ersetzt werden, da diese nur als Folien-Replikat hinter Glas (mit Tesafilm verklebt!) vorhanden war.
Mein Kollege Hajo hat sich mit Photoshop einer so la la Grafik angenommen und eine super gute druckfähige Basis hergestellt.
Dafür noch mal herzlichen Dank.
Die bedruckte neue Acrylscheibe ist zwar aus drucktechnischen Gründen etwas lichtdurchlässig, aber das Ergebnis ist mehr als zufriedenstellend.

Heinzelmann 17

Montageplatte rein, Lautsprecher rein, …

Apropos Lautsprecher….
Auch hier hatte ich wertvolle Unterstützung meines Kollegen Wolfgang.
Er fertigte eine Messingschraube als Ersatz für die gerissene Schraube des Lautsprecherchassis und wickelte den durchgebrannten Ausgangsübertrager neu.
Das war eine besonders große Herausforderung, musste doch ein seeehr dünner Draht mit seeehr vielen Windungen auf den Spulenkörper, um den notwendigen hohen Widerstandswert zu erreichen, den die RV12 P2000 braucht.
Auch an Wolfgang noch mal vielen lieben Dank.

Heinzelmann 18

Hier nun der Lohn der Mühe. Das kann sich doch sehen lassen, oder?

Heinzelmann 19

Aber der Heinzelmann ist ja schließlich nicht nur zum Anschauen, sondern auch zum Anhören da.
Mit den zeitgenössischen Hits aus den Jahren 1946 bis 1948 hört sich das dann so an:

Ein Gedanke zu “Heinzelmann: Spielzeug oder Radio?”

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