Rätsel: Die Reparatur eines Unbekannten

Reparaturbericht zu einem rätselhaften Radio von Gerold Welzel

Viele Jahre stand ein Radio in einem massiven, schwarzen Blechgehäuse in unserem Museum. Ein bisschen traurig, ohne ein Aufstellschild mit Beschreibung, denn keiner von uns konnte es identifizieren. Auch die Bildersuche in Google war erfolglos und RM.org lieferte kein Suchergebnis. „Black is Magic“, es wurde viel gemunkelt: Vielleicht ein Behördengerät oder militärisch oder von der Polizei? An unserem Rätsel gibt es keinen Hinweis auf den Hersteller, kein Typenschild. Wofür wurde es wohl verwendet?

Rätsel

Ich dachte ich werde es restaurieren, vielleicht finde ich dabei einen Hinweis über die Herkunft. Ich habe es sorgfältig restauriert, ohne große Probleme. Nur die üblichen Wickelkondensatoren und Elkos mussten ersetzt werden. Wellenschalter gereinigt und Seilzüge der Abstimmung neu gespannt, Netzkabel erneuert, jetzt mit Schutzleiteranschluss wegen des Metallgehäuses. Fehlender Abschirmdeckel des UKW- Tuners nachgebaut.

Innen gab es einen Aufkleber mit Seriennummer und dem Herstellungsdatum, leider nicht mehr. Sicher ist, das Rätsel Gerät wurde in der früheren DDR am 17.März 1956 hergestellt. Die Cassis Nr. ist 69896. Alle Kondensatoren sind RFT 901 VEB oder RFT 904 VEB gestempelt. Herstellung 10.55 bis 12.55.

6118 Aufkleber

Röhrenbestückung sieht etwas besonders aus: 2x EC92 im UKW-Teil, ECH81, EBF80, EABC80, EM11 und UEL51. Ja richtig, mitten unter den E-Röhren ist eine U-Röhre! Erst dachte ich, die hat jemand da nur hineingesteckt. Aber nein, der Netztrafo hat eine extra 62V Wicklung für diese Röhre.

6118 Endroehre UEL51

Das Rätsel Gerät hat keinen Ausgangsübertrager eingebaut. Die Anode der Endröhre und die Anodenspannung liegen an Steckbuchen an der Frontseite. Das war wohl ein 100V Ausgang. Zum Aufbau: Das Chassis könnte von einem normalen Wohnzimmerradio stammen. Das Gerät ist in einem sehr stabilen Blechgehäuse mit Tragegriffen eingebaut. Viele Signale sind an Buchsen an der Frontseite herausgeführt.

Antenne, Erde, UKW-Antenne, Lautsprecher hochohmig, NF-Ausgang, TA-Eingang und Regelspannung. In allen Wellenbereichen wird induktive Abstimmung angewendet, es gibt keinen Drehko. Weiter fällt auf, dass das HF-Teil bestehend aus UKW Tuner und AM-Mischer als Modul aufgebaut sind und an das Radiochassis angeschraubt wurden. Im NF-Teil wurden alle Kondensatoren zusätzlich mit Blechschellen geschirmt. Im Betrieb ist auch kein Brumm zu hören, was zeigt, dass diese Maßnahmen sehr wirksam sind. Das Gerät erscheint recht hochwertig gebaut.

6118 Chassis oben

Die Wellenbereiche sind LW, MW, 2x KW und UKW. Der UKW-Empfang ist erstaunlich gut. Auch der Klang des Gerätes ist prima.

Nach dem alle Funktionen wiederhergestellt waren, war der Hersteller und der Verwendungszweck immer noch unklar. Ein paar Bilder und eine kurze Beschreibung des Rätsel Geräts habe ich dann an die Fernseh- und Radiofreunde in Staßfurt, ins dortigen Museum geschickt. Vielleicht erkennen die Kollegen dort das besondere Gerät.

Sehr schnell kommt eine Mail von den netten Kollegen zurück:

Schönen Sonntag an Alle, Das ist eine Version des Weimar 6118/55 von Sonneberg. Im RM.org ist dieses Gerät als Schulfunkempfänger 6118/55WU gelistet. Mfg Jörg Kulbe

Juhu, es ist geschafft, das Rätsel ist gelöst, das Gerät hat einen Namen! Bei RM.org findet man das Radio aber nur, wenn man die genaue Bezeichnung eingibt. Die Suche nach Schulfunkempfänger zeigt nur Lorenz, Siemens und Staudigl Geräte.

„Hersteller VEB Stern Radio Sonneberg

Schulfunkempfänger 6118/55WU

6 AM-Kreise , 11-FM Kreise

Besonderheit, das E System der UEL51 ist eine ZF-Stufe

NF-Ausgangsleistung 4W

Die UEL51 wurde nur in der DDR im Funkwerk Erfurt gebaut und nicht nur in Allstromempfängern eingesetzt. Die UEL51 hat einen Stahlröhrensockel, aber mit 10 Stiften.“

Hut ab, die Kollegen in Staßfurt kennen sich doch besser mit den Ost-Geräten aus als wir. Vielen Dank noch einmal!

Nun können wir die Überschrift neu formulieren:

Reparaturbericht zu einem Schulfunkempfänger 6118/55WU von Stern Radio Sonneberg von Gerold Welzel

PS: Ihr findet das Gerät vorführbereit in unserer Schulfunkabteilung, jetzt mit einem eigenen Aufstellschild. Es ist eine schöne Ergänzung zu den Schulfunkgeräten aus westlicher Produktion.