Asyl für eine Grundig Truhe 7028

Anfang August 2020 rief Frau B. aus Frankfurt an und hinterließ auf dem Anrufbeantworter einen Hilferuf.

Aufgrund der anstehenden Räumung der Wohnung ihrer verstorbenen Mutter brachte sie es nicht übers Herz, die alte Musiktruhe Grundig 7028 auch noch verschrotten zu lassen.
Die Anfrage wurde zuerst an den Verein Radio-Museum Linsengericht weitergeleitet.
Aber der Verein Radio-Museum hatte keinen Platz mehr im Museum. Daher lehnte der Vereinsvorstand eine Aufnahme der Truhe ab.
Doch wer bringt es übers Herz, ein solches Familienerbstück einfach wegzuwerfen?

Rundfrage bei den Radiodoktoren:

Die Anfrage von Frau B. wurde nun an die Radiodoktoren weitergegeben.
Auch hier hielt sich das Interesse in Grenzen.
Klar, eine Truhe ist groß. Man benötigt viel mehr Platz für eine Truhe, als für ein einfaches Radio.
Man kann nicht einfach so seine Wohnung vollstellen, denn es muß ja auch noch Platz zum Leben bleiben.

Das Dilemma der Truhe:

Genau das ist das Problem.
Trotz der Tatsache, dass Musiktruhen schon aufgrund der damals schon hohen Preise seltener waren und oftmals auch sehr gute Chassis und Lautsprecher verbaut wurden, sind sie schwer vermittelbar.
Einfach weil sie für die meisten Radiosammler viel zu groß sind.

Hier ist dann viel Nachfragen und Suchen nötig.
Man muß einen Sammler finden, der noch Platz hat, eine Musiktruhe aufzunehmen.

Gerettet! Asyl für die Grundig Truhe gefunden!

In Grebenhain und in Herbstein sind dann zwei Radiosammler, die relativ viel Platz haben, gefunden worden.
Die Truhe wird technisch überholt und findet dann in einem der beiden Häuser im Vogelsberg ein Asyl.
Nach dieser Zusage konnte der Transport organisiert werden.

Zum ersten Mal seit über 60 Jahren ist diese Truhe ausserhalb der Wohnung.
Auf den Weg zu ihrer neuen Heimat.
In nächster Zeit wird sie eine komplette technische Überholung erfahren. Einiges an Möbelpolitur, ein paar Tropfen feines Öl, viele neue Kondensatoren und viel Arbeit werden sie für die nächsten sechzig Jahre fit machen.

Eine der ersten Arbeiten ist einfach: Das Frontbrett der Schallplattenschublade ist ab. Etwas Holzleim ist schnell herbeigeschafft und zwei Zwingen halten das Brett, bis der Leim fest ist.

Näh- und Angelzeug?

Als nächstes wurde die Truhe mal hinten geöffnet. Da schon gleich ein Fehler, den das Alter verursacht hat. Eine Nylonschnur mit einer langen Feder verbunden sorgt dafür, dass die Radioklappe weich öffnet und schließt…
Und diese Schnur ist gerissen.
Woher nun so eine anderthalb Millimeter dicke Nylonschnur kriegen?
… Grübel… denk… … Klar, beim Angelzubehör. Sowas nimmt man für die großen Fische. „1,5 mm monofile Nylon Angelschnur für Karpfen oder Hechte“ war das Suchwort für das bekannte Internetauktionshaus.
Und für was wurde nun 1mm rote Hutschnur gekauft?
Der Kenner der alten Grundigs weiß natürlich sofort, dass der Gummi im „Klangregister“ dadurch schön zu ersetzen ist. Also Näh- und Angelzeug… Sollte im Repertoire des Radiosammlers nicht vergessen werden.

Kondensatoren sind schlecht.

Natürlich. Viele der Kondensatoren sind schlecht. Ein kurzer Probelauf verläuft gut, UKW-Sender und mein Mittelwellen-Testsender sind zu hören. Aber Skalenbeleuchtung, „Magisches Auge“ und zwei kleine Anzeigebirnchen sind verbraucht. Die Skalenbirnchen leuchten zwar noch, aber sie sind schon ziemlich schwarz.
Kleinkram?
Nicht ganz.
Das Magische Auge ist eine Röhre vom Typ EM34. Die kostet neu reichlich über hundert Euro.
Ich habe in meinem Fundus noch eine dieser Röhren. Sie ist … sagen wir mal „nicht mehr gut“, aber sie leuchtet wenigstens noch ein wenig. Also kommt sie jetzt da rein.

Also denn.
Chassis aus dem Schrank!
Staubsauger herbei und das Gehäuse reinigen.
Lötkolben an und Kondensatoren wechseln.
Birnchen wechseln, Potis gängig machen und Bedienknöpfe putzen…
Hier ist immer wieder der „Frosch Fettlöser“ zu empfehlen. Mit Zahnbürste und etwas Geduld geht das auch ohne Ultraschallreiniger.

Eine gute Stunde Probelauf auf dem Werkstattisch vervollständigt die Grundüberholung.
Nun wird noch optisch hergerichtet:
Alle Teile werden nochmal gereinigt.
Vorsichtig auch die gläserne Skala. Hier muß man sehr aufpassen. Die Farbe ist empfindlich und wird von Wasser und Reinigern schnell abgelöst.


Auch die Hutschnur kommt zum Einsatz.

Der rote Gummifaden, mit dem die „Wunschklang“-Anzeige realisiert wurde, ist natürlich kaputt. Er wird mit einer roten „Hutschnur“ ersetzt. Das ist ein umsponnener Gummifaden, den man heute noch zu kaufen bekommt. Diese Hutschnur wird eingefädelt, verknotet und mit Leim gesichert. Nach dem Trocknen wird der geknotete Faden hinter die Anzeigen verlegt.

Nun werden noch alle Röhren gemessen. Es stellt sich heraus, dass drei Röhren schlecht sind und gewechselt werden müssen.

Die Meßprotokolle der Röhren kommen in die Schachtel zu den ausgebauten Teilen. Alles wird aufbewahrt.
Klangtest: Nunja, noch nicht so perfekt im UKW-Bereich. Mittelwelle Okay und Plattenspieler auch. Könnte etwas brillanter sein.
Nächste Aktion: Spannungen messen.
Ich habe den Ladeelko im Verdacht, nicht mehr so ganz fit zu sein. Wir werden sehen…

–wird fortgesetzt!–

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