Das „Sprechende Radio“ und was Thomas Koschwitz damit zu tun hat.

Ein Reparatur- und Umbaubericht zu einem Nordmende Rigoletto von 1960/1961Das „Sprechende Radio“ von Wolfram Henkel
Etwa um 2020, während der Corona-Zeit, schrieb ich eine Kurzgeschichte, in der ein altes Radiogerät seinen Lebenslauf selbst erzählt.


Als Vorbild dienten mir einige alte Geschichten von Hans Dominik. Darin erzählte er zum Beispiel den Weg eines Elektrons: vom Dynamo über die Leitung bis hin zur Glühlampe, die dadurch zum Leuchten gebracht wird. Technik wurde nicht trocken erklärt, sondern bekam eine eigene Stimme.


Ich zeigte meine Geschichte einigen Leuten im Radio-Museum. Sie gefiel ihnen, und im Verlauf der Gespräche entstand die Idee, das Ganze tatsächlich vom Radio selbst erzählen zu lassen. Bei Führungen erzählen wir oftmals Teile von Geschichten der Geräte, als Familienerbstücke, die eigentlich die gesamte Familiengeschichte miterlebt haben. Ein „Sprechendes Radio“, war also der nächste logische Schritt.


Von diesem Augenblick an war es eigentlich „nur noch“ eine technische Aufgabe.
Wie bringt man ein altes Radio zum Sprechen?


Ein Tonbandgerät? Nun ja – nicht gerade die beste Lösung. Es wäre groß, mechanisch aufwendig und müsste irgendwie gestartet werden. Außerdem sollte das Sprechende Radio zuverlässig funktionieren, ohne dass jedes Mal jemand danebensteht.


Kurz zuvor hatte ich bereits den „Mauersegler“ gebaut:
https://radioklinik.de/mauersegler/


Warum also nicht auch die Geschichte des Radios auf ähnliche Weise abspielen?

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Die Wiedergabe war damit grundsätzlich geklärt. Doch nun stellte sich die nächste Frage:
Wie schaltet man sie ein?
Ein hässlicher Taster am Gerät?
Och nö. Niemals.


Die Bedienung musste unauffällig und elegant sein. Und irgendwie sollte sie auch etwas Besonderes haben.
Ein Magnet und ein Reedkontakt wären eine Möglichkeit gewesen. Der Magnet hätte dann aber ziemlich genau an der richtigen Stelle sitzen müssen. Ich suchte deshalb nach einer Lösung, die über eine etwas größere Fläche hinweg sicher funktioniert.
RFID!


Ein RFID-Chip lässt sich über mehrere Zentimeter hinweg erkennen. Außerdem besitzt jeder Chip einen eigenen Code. Damit konnte ich nicht nur etwas einschalten, sondern sogar verschiedene Aktionen auslösen.
So entstand die Idee, den „Schalter“ in einer Blumenvase zu verstecken. In den Boden der Vase wurde unauffällig ein RFID-Chip eingebaut. Stellt man die Vase auf die vorgesehene Stelle auf dem Sprechenden Radio, wird der Chip erkannt und die Geschichte beginnt.

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Das Auslesen des RFID-Chips übernimmt ein kleiner Arduino. Insgesamt gibt es acht verschiedene RFID-Chips und acht dazugehörige Tondateien. Erkennt der Arduino einen Chip, gibt er das entsprechende Signal an den MP3-Player weiter.
Der MP3-Player meldet seinerseits zurück:
„Ich spiele gerade.“
Dadurch weiß der Arduino, dass er während der laufenden Wiedergabe keine neue RFID-Lesung auswerten darf. Erst wenn die Tondatei beendet ist, wird das System wieder für den nächsten Chip freigegeben.
Damit war das Prinzip festgelegt:
Eine Vase wird auf das Sprechende Radio gestellt, das Radio erkennt sie – und beginnt zu erzählen.


Ja, und dann kam der praktische Teil: der Aufbau des Ganzen.
Der Arduino und seine Zusatzgeräte benötigen fünf Volt. Diese Versorgungsspannung lässt sich aus der Heizspannung des Radios gewinnen.
Außerdem muss der Arduino ein Umschaltrelais ansteuern. Dieses unterbricht bei Bedarf den normalen NF-Signalweg des Radios und schaltet stattdessen den Ausgang des MP3-Players auf den Verstärker.
Klar, dass die elektrische Anpassung nicht ganz trivial war. Wolfgang hat diese Hardwarefragen jedoch hervorragend gelöst.
Damit war die Technik zunächst fertig.
Einen der acht RFID-Chips auf das Sprechende Radio gelegt – und schon wird der normale Radioempfang unterbrochen und der MP3-Player übernimmt die Wiedergabe.
Die ersten Tests verliefen gut.

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Als „Sprechendes Radio“ dient übrigens ein kleiner Rigoletto von Nordmende. Gebaut wurde dieses Gerät in 1960/1961. Es ist ein „Standard“-Gerät, welches es oft gab. Also eigentlich genau richtig, um Teil dieses Projekts zu sein. Das Gehäuse wurde aufwändig aufgearbeitet und poliert. Technisch waren die klassischen Dinge zu machen: Säubern, Röhren prüfen und ersetzen und natürlich alle Kondensatoren austauschen. Dann noch ein paar Kleinigkeiten und prompt lief der Rigoletto wie geschmiert.

Hier noch ein kleiner Trick: Damit die Röhre nicht von der Feder zerkratzt wird, beziehungsweise diese kaputt geht, einfach mit einem Heftpflaster schützen.

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Also alles läuft, Radio spricht… Doch nun stellte sich eine ganz andere Frage:
Wer sollte die Geschichte einsprechen?
Ich kann zwar ordentlich lesen, aber ein guter Sprecher bin ich deshalb noch lange nicht.
Ein Sprecher …
Das gesamte Projekt „Sprechendes Radio“ wurde ohne besondere Eile und ohne feste Priorität verfolgt. Inzwischen war es bereits Dezember 2023.
Da ging eine Nachricht durch die Medien:
„Thomas Koschwitz geht in den Ruhestand.“
Koschwitz?
Der Koschwitz vom Hessischen Rundfunk?
Der muss uns das sprechen. Der ist genau der Richtige!
Aber wie kommt man an einen solchen Prominenten heran?
Also wandte ich mich an unseren Pressesprecher:
„Hajo, du kennst doch Leute. Bitte hör dich einmal um.“


Nun ja – so einfach war das natürlich nicht. Und so verging einige Zeit. Zwischenzeitlich wurde der Text auch anderen möglichen Sprechern gegeben, doch eine Antwort kam nie.
Schließlich schrieb ich Thomas Koschwitz im März 2026 einfach selbst direkt an.
Und ihm gefiel die Idee vom Sprechenden Radio.
Wenig später erhielt ich von ihm eine passende MP3-Aufnahme. Sie wurde in das „Sprechende Radio“ eingespielt.
Seitdem kann das alte Radiogerät seinen Lebenslauf tatsächlich selbst erzählen – mit der unverwechselbaren Stimme von Thomas Koschwitz.

Sprechendes Radio in der Ausstellung

Das „Sprechende Radio“ steht in der Ausstellung des Radio-Museum Linsengericht e.V. und kann zu den Öffnungszeiten besichtigt werden.