Reparaturbericht zu einer „Organette Intona 16“ der Leipziger Musikwerke „Phoenix“, Schmidt & Co., Leipzig/Sachsen von Gerold Welzel und Wolfram Henkel
Ankunft im Museum
Vor vielen Jahren bekam das Radio-Museum eine kleine, etwas seltsam wirkende Musikmaschine ins Haus.
Gelochte Blechscheibe dabei, seitlich eine Kurbel – klar: ein Musikgerät aus der Zeit vor dem Grammophon.

Nur: Das Gerät machte keinen Ton, die Kurbel ließ sich keinen Millimeter drehen.
Da die Organette nur als Leihgabe bei uns war, blieb es beim Anschauen. Reparaturen an Leihgaben sind rechtlich heikel, also Finger weg.
Trotzdem handelt es sich beim Intona 16 um das älteste originale Ausstellungsstück des Radio-Museums Linsengericht.
2025 ging das Intona 16 dann in unser Eigentum über. Damit war der Weg frei, und Gerold erklärte sich bereit, hineinzuschauen – obwohl keinerlei Röhren darin verbaut waren.
Was ist das überhaupt?
Auf dem Oberteil die Inschrift „Intona“. Also Recherche.
Das Ergebnis:
- Hersteller: Leipziger Musikwerke „Phoenix“, Schmidt & Co.
- Ort: Leipzig, Sachsen, Deutschland, Europa
- Zeit: um 1897
- Typ: Intona-Organette mit 16 Tönen (daher Intona 16)
- Preis damals: 15 Reichsmark – für die Zeit kein Spielzeug für den Allerärmsten. Eine Lochplatte kostete etwa 60 Pfennig.
Spezialität der Firma „Phönix“ waren automatische Harmonika-Instrumente mit Handkurbel in robuster Ausführung.
Zungen aus Stahl, Platten aus Zinkblech – geeignet auch für den Export in tropische Länder. Man hat damals eben noch gebaut, damit es mehr als eine Saison hält.
Die gelochte Blechscheibe ist ein direkter Vorläufer der Schallplatte:
ein Ring mit Lochmuster, das die Melodie kodiert. Und jeder Hersteller und jede Organette hatte eigene Scheiben, die nur auf baugleichen Geräten funktionierten.

Innenleben und Aufbau
Nach dem Öffnen zeigt sich der klassische Aufbau einer solchen Organette:
- Kurbelantrieb
- Schöpf- und Magazinbalg mit Spiralfeder, die den Balg gegen den Boden drückt
- Gehäuse mit drei Schallringen auf der rechten Seite
- gelochter Metallring (Blechscheibe) als „Notenträger“
- winzige Abtasthebel, die in die Löcher fallen und Tonventile öffnen



Durch das Drehen der Kurbel des Intona 16 werden die Blasebälge betätigt und erzeugen Luftdruck.
Die Blechscheibe wird über Zahnräder bewegt. Wo ein Loch ist, fällt ein Hebel hinein, öffnet ein Ventil und gibt die Luft auf eines der 16 kleinen Stimmplättchen, die – ähnlich wie in einer Mundharmonika – den eigentlichen Ton erzeugen.

Zerlegen und Grundsanierung
Also, klassisches Vorgehen – so, wie man es seit Jahrzehnten macht:
- Komplett zerlegen
Alle erreichbaren Teile des Intona 16 ausgebaut, sortiert und fotografisch dokumentiert. - Reinigung
Staub, Schmutz und alte Verharzungen entfernt. Metallteile vorsichtig gereinigt, ohne unnötig Patina zu vernichten. - Schmierung
Lagerstellen und Zahnräder sparsam neu geschmiert. Hier gilt: lieber zu wenig als zu viel, sonst klebt nach ein paar Jahren wieder alles. - Verbogene Teile richten
Verschiedene Blechteile, Hebel und Führungen waren verbogen. Schrittweise, mit Gefühl, wieder auf Funktion gebracht – keine Gewalt, denn bei dem Alter reißt Blech schneller, als einem lieb ist. - Blasebälge
Im Inneren sitzen Bälge, die natürlich nicht mehr taufrisch waren.
– Undicht, spröde, an einigen Stellen gerissen.
Die Bälge wurden sorgfältig abgedichtet und geklebt, soweit sinnvoll möglich, ohne den Originalzustand völlig zu verfälschen.


Der erste Funktionstest
Nach der Grundsanierung: Blechscheibe eingelegt, Kurbel vorsichtig wieder bewegt – immerhin lässt sie sich nun drehen, und Luftdruck wird auch aufgebaut.
Mit viel Geduld und etwas Fantasie lässt sich auf der Scheibe das eingestanzte Lied erkennen:
„Verlassen bin i“ – ein Stück aus Kärnten.
Klanglich ist das Ergebnis ehrlich gesagt weit weg von „vorführreif“, aber es ist zumindest erkennbar, was gespielt werden soll. Für ein Gerät dieses Alters und Zustands kein Wunder.
Die Probleme im Detail
Ganz ohne Schönrederei – das Intona 16 hat seine Schwachstellen, und einige davon sind strukturell:
- Verbogene Grundplatte:
Die Grundplatte ist deutlich verzogen.
Das führt dazu, dass Mechanik und Hebel nicht überall den richtigen Abstand haben.
Eine Grundplatte „mal eben“ geradezubiegen ist keine Option – das Risiko für Risse oder neue Spannungen im Material ist zu groß. - Abgenutzte Abtasthebel:
Die winzigen Hebelchen, die in die Löcher der Blechscheibe fallen sollen, sind teils stark eingelaufen und abgenutzt.
Folge: Einige Löcher werden nicht sauber erreicht, manche Töne kommen nur halb, andere gar nicht. - Allgemeiner Verschleiß:
Über 130 Jahre Nutzung, Lagerung, Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen haben Spuren hinterlassen.
Mechanisch ist das Intona 16 jetzt wieder beweglich und grundsätzlich funktionsfähig, aber es bleibt ein Kompromiss zwischen Originalerhalt und perfekter Spielbarkeit.

Fazit
Die Intona 16 – Organette ist wieder so weit hergestellt, dass sie ihren Aufbau und ihre Funktionsweise demonstrieren kann.
Sie spielt – aber nicht „schön“, eher rau und unwillig. Man hört das Alter und den Verschleiß an jeder Note.
Für eine radikale „wie neu“-Restaurierung müsste man Grundplatte, Hebel und etliche Teile neu anfertigen. Das wäre zwar technisch machbar, hätte mit dem ursprünglichen Instrument dann aber nicht mehr viel zu tun.
So bleibt die Organette, was sie ist:
- ein ehrliches Stück Technikgeschichte aus der Zeit vor dem Grammophon
- ein Beispiel dafür, wie man früher robuste, mechanische Musikwiedergabe gebaut hat
- und ein Gerät, das zeigt, dass nicht alles perfekt sein muss, um historisch interessant zu sein.
Mehr geht unter Wahrung der Originalsubstanz im Moment nicht – und genau so soll es bei einem Museumsstück auch sein.
Das Intona 16 können Sie im Museum ansehen- und hören!
- Ein weiteres Ausstellungsstück: Aus Schweden
- Hier erfahren Sie, welche Geräte die Radioklinik repariert.
- Klicken Sie hier für Informationen über das Radio-Museum Linsengericht e.V.